Mai 2020


 
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Der Tag der Befreiung® geht mir, um ehrlich zu sein, am Arsch vorbei. Wie in meinem Buch erläutert, wurden Verdrängung und Kontinuität irgendwann in Form einer neuen Rhetorik ersetzt durch eine raffiniertere Heuchelei. Hauptautor war Richard von Weizsäcker und Depp vom Dienst Philipp Jenninger, der nicht kapieren wollte, dass die Nazis eine kleine Bande waren, die das ganze Volk in Geiselhaft gehalten hatte. Stattdessen ging er auf alle Deutschen los. Fail!

Ich will mich daher mit Wichtigerem befassen, weil es nicht aufhört, aktuell zu sein, weil die erbarmungslosen Propagandisten der Ausbeutung den Rand nicht halten wollen. Für Deutschland war es der 09.09.1982, als Schluss war mit Lustig. Fortan hatte der Arbeiter wieder das Maul zu halten, und wer unnütz ist, gilt wieder als Schmarotzer. Das neoliberale Fanal erklang, namens "Konzept für eine Politik zur Überwindung der Wachstumsschwäche und zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit" aka Lambsdorff-Papier.

Stillgestanden!

Jetzt fällt einer womöglich vom Glauben ab, und sei es nur kurzfristig, strategisch oder was weiß ich, aber er (an)erkennt eben als Präsident seines Landes, dass etwas gewaltig schiefläuft in der Zivilisation, die nicht bloß ihre wirklich Systemrelevanten verleugnet, sondern eben deshalb die Existenz aller aufs Spiel setzt. Er deutet an, da müsse sich etwas ändern, vielleicht gar etwas reformiert werden.

Prompt springen sie aus dem Busch, die Inhaber des Patentes auf Reformen®, die seit knapp vierzig Jahren genau das predigen, von dem jetzt jeder Depp erkennen kann, dass es nicht richtig ist. Es springt einem ins Gesicht, wer auf wessen Kosten lebt und wohin das führt. Und was fällt den Neoliberalen ein? Macron sei jetzt "kein Reformer" mehr. Weil er nicht dazu kommt, in Frankreich die Renten dem Kapital zu übereignen, was ja bei uns auch kolossal geklappt hat.

Die Kollegen in der Schweiz wiederum warnen (Achtung! Achtung!) vor dem siebenunddreißigsten Linksrutsch® der längst rechtsliberalen und zu Recht marginalen deutschen 'Sozialdemokraten'. Warum? Weil der Chef-Büchsenspanner Kahrs keine Lust mehr auf seine eignen Intrigen hat. Ist ja auch keiner mehr da, den man wegmobben müsste, weil er nicht auf Kurs wäre. Was da noch steht, erledigt sich gerade selbst. Immerhin keine dumme Ratte, die das Schiff dann doch noch verlässt.

Fortschritt!

Was von der Herrlichkeit des neoliberalen Regimes übrig bleiben wird, ahnen wir bereits mit Blick auf die Trümmerlandschaften, in denen es am heftigsten gewütet hat. Die brunzdummen Faschisten erkennen dort sofort den Feind, der sie in diese Lage gebracht hat: Kommunisten mit ihrem Corona. Angewandte Dystopie mit Vorbildcharakter.

Hierzulande glauben sie wohl noch, alles werde gut, ja vielleicht sogar besser. Da wird das Fleisch der Schwachen eben von den Starken gefressen und die Sklaven werden sich prügeln um einen Herrn, der ihnen Brot verspricht. Und weil das Deutschland ist hier, werden sie alle friedlich bleiben und sich Jahr um Jahr mit weniger begnügen. Ein geniales Konzept, und so innovativ! Ich freue mich auf die anstehenden, echten Reformen®.

 

Die Jahrhundertrede des großen von Weizsäcker
vs.
ein Kommentar von B.

 
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"Raus aus der NATO, rein ins Vergnügen" war ein geflügeltes Wort in den 80ern rund um die "Grünen". Wie wir wissen, hat deren späterer Parteiführer ausgerechnet in Serbien ein "Auschwitz" entdeckt und daher im Einklang mit dem Großen Bruder USA gefordert, Deutschland müsse sich an der Bombardierung der Nazis dort beteiligen. Geschichtsbewusstsein at its best.

Derselbe forderte in diesen Tagen wörtlich "Die Deutschen müssen ihren instinktiven Pazifismus hinterfragen". Nachdem alle Kriege der NATO, die Beteiligung der Bundeswehr am Angriffskrieg auf Afghanistan, Flugverbotszonen oder schon die Kriege in Vietnam und Irak auf die einhellige Abneigung der Deutschen gestoßen sind, muss der ehemalige Pseudopazifist einmal mehr darauf beharren, man möge doch endlich wieder Hurra.

Nie wieder Frieden

Von deutschem Boden soll nie wieder ein Krieg verpasst werden, ginge es nach den Atlantikern und ihren Trommelschlägern. Nun hat Deutschland ja enormes Talent gezeigt in diesen Dingen. Nach Verdun und Stalingrad ausgerechnet Afghanistan, der längste Krieg mit Deutschen seit 1648 und so erfolgreich wie die Stellungsschlachten zuvor. Auch dieser ohne die vorbereitende Propaganda durch Kriegstreiber Joschka kaum vorstellbar.

Der Eifer hinter dieser Mordlust muss spätestens dann deutlich werden, wenn man sich die aktuelle Lage anschaut. Die größte Provokation Russlands seit Able Archer, ein NATO-Manöver an Russlands Grenzen, wird gerade durch Corona verzögert. Die Weltwirtschaftskrise reißt alle Gräben zwischen konkurrierenden Mächten auf, und in den USA ist ein Irrer Präsident, der sich für den unumschränkten Führer hält - um nur einige Details zu nennen. Und in dieser Situation sollen die Deutschen also "ihren Pazifismus überdenken".

Failed State

Im Gegenteil zeigen alle aktuellen Entwicklungen, dass eine Kooperation mit den USA nicht mehr möglich und die Vasallentreue zu ihnen fatal ist. Das wird vermutlich auch kein Stück besser werden, wenn mit oder an Corona die innere Ordnung der Vereinigten Staaten zerfällt oder gar explodiert. Wenn bewaffnete Vollhonks ein Parlament besetzen, nennt der Depp in D.C. sie "Gute Leute" und bekennt damit seine Bereitschaft zum Bürgerkrieg. Ob er etwas davon weiß, mögen seine Psychiater beurteilen.

Der andere auf dem möglichen Weg ins Amt weiß eventuell gar nichts mehr, wenn er dort ankommt. Er zeigt deutliche Anzeichen von Demenz, seine Partei findet das prima. Die Frage erübrigt sich, ob das jemandes Kalkül ist oder einfach kollektiver Irrsinn; sicher ist: Die USA sind schon immer die größte Kriegsgefahr und jetzt auch noch ein instabiler Staat. In dieser Situation ist nicht etwa Kritik zu hören vom 'Partner', sondern vorauseilendes Säbelrasseln. Farbbeutel, bitte!

 
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Sie ist der Trick, durch den die autoritäre 'Demokratie', ein paradoxes Vehikel, im 'Westen' schon seit Jahrzehnten als Normalität empfunden wird. Politik hat nichts mit "Polis", der allgemeinen Versammlung, zu tun und die "Res Publica" ist medial wie auf den Ebenen der Entscheidungen ebenfalls professionellen Experten überlassen, den funktionalen Autoritäten.

Die Wirtschafts-und Arbeitswelt ist ohnehin komplett autoritär organisiert, hier herrschen Befehl und Gehorsam, die Befehlshaber entscheiden und herrschen über faktische Untertanen, die kein Mitspracherecht haben, von Entscheidungsbefugnis ganz zu schweigen.

An die Arbeit!

Öffentliche 'Debatten' werden traditionell als Schaukämpfe von Vertretern ausgetragen, von den 'Parlamenten', in denen Entscheidungen schon immer völlig unabhängig von den Redebeiträgen gefasst wurden, bis hin zu den "Talk Shows", eine Bezeichnung, die in seltener Deutlichkeit sagt, was sie bedeutet.

Es herrschen Intransparenz bei den Entscheidungen und begleitend allgemeines Blabla ohne Relevanz. Das spiegelt sich schon immer in sprichwörtlichen Stammtischreden wider, die in Zeiten des Internets millionenfach multipliziert in die Welt ergossen werden. Jeder kann sich hier zum allmächtigen Gottkönig aufblasen, ohne sich je für eine seiner Verlautbarungen verantworten zu müssen - oder zu dürfen.

Am Ruder

Begleitet und geprägt werden diese Prozesse von kleinen und mittleren Autoritäten, auf die sich jene unterhalb in der Nahrungskette berufen. Man sammelt also Experten und die ganz persönlichen Interpretationen von deren 'Meinungen'; das nennt sich dann 'Argumentation'.

Dass dabei wenig Brauchbares herumkommt, wo sich nicht der Zufall einer dennoch vernünftigen Diskussion ereignet, kann nicht überraschen. Man merkt den 'Diskussionen' an, dass Demokratie eigentlich nirgends stattfindet. Um entscheiden zu können und die Prozesse zu verstehen, wie das sinnvoll vonstatten gehen kann - auch die dazugehörigen Diskussionen, muss man entscheiden dürfen. Das kann nicht funktionieren, wo noch im kleinsten Dorf Eigentümer und Stellvertreter herrschen, die mit ihrer kleinen Macht das Leben der Anderen bestimmen.

 
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Beherrscht modernste Technik: sog. "Nerd" beim "Hacken".

Es gibt Themen, die kann man tatsächlich Jahre vor sich hin schieben. Schon lange wollte ich mich einmal mit einem der dümmsten modernen Mythen befassen, der "Digitalisierung". Die von mir nicht gerade hoch geschätzte Wikipedia weist immerhin schon darauf hin, dass es die Nämliche bereits seit den 70er Jahren gibt. In Bezug auf die Funktionsgrundlagen des Kapitalismus, die ja immer im Mittelpunkt der Politik stehen, ist sie auch nichts Neues. Ich selbst habe im Jahr 1998 einen technisch schon recht rückständigen Betrieb von der papiernen Personalverwaltung befreit. Seit mehr als 20 Jahren ist die Welt also bereits ziemlich durchdigitalisiert. Allein der Breitbandausbau ist im Land der Telekom immer noch auf den Niveau eines Drittweltlandes.

Das hätte man längst ändern können, aber bis heute ist die Entwicklung auf diesem Terrain ein Trauerspiel. Lieber geben sich ahnungslose Bingo-Bullenreiter modern, indem sie die magischen Formeln raunen: "Industrie 4.0, Internet of Things, Cloud Computing, Big Data, Blockchain, Quantencomputer" und vor allem natürlich "KI". Das alles, zusammengefasst, ist 'Digitalisierung', so wie "Eimer, Schüppchen, Sand, böser Onkel, Schnuller, Mama, Regenmantel, Klettergerüst und Rutsche" eben 'Spielplatz' sind.

Töfte! Ganz neu!

Dass seit der Herrschaft des Smartfons nicht nur die Industrie, sondern die komplette Gesellschaft wie auf Turkey an digitalen Geräten und ihren Funktionen hängt, ist 'Erkenntnis'. Die aber scheint sich noch nicht bis in den Verstand derjenigen vorgewagt zu haben, die jenen Quatsch von der Digitalisierung nicht nur ernst meinen, sondern das auch noch für den Ausweis halten, sie seien voll up-to-date. Im Gegenteil sind sie das Gegenteil, und wenn es etwas bräuchte, wäre das eine De-Digitalisierung der Gesellschaft.

Wie quasi immer, fragt sich der faszinierte Zuschauer, ob diese Inkompetenz das Original des Problems darstellt oder nur Staffage ist - in dem Fall für jene im Kreise der politischen Entscheider, die ihre Digitalisierung des Überwachungsstaates längst in erschreckende Dimensionen vorgetrieben haben und den Hals nicht voll kriegen können von Daten, die zu schützen sie gar nicht vorhaben. China ist überall, wenn es denn dem Schutz der Bevölkerung und einer möglichen Demokratie vor sich selbst geht. Warte nur ein Weilchen.

Derart zwischen Entsetzen und bleierner Müdigkeit oszillierend, frage ich mich, für wen dieser Karneval eigentlich noch veranstaltet wird. Wer technischen Sachverstand mitbringt, kann kaum mehr schmunzeln über die vergilbte Werbetafel, wer beruflich damit zu tun hat, ohnehin nicht. Bleiben also noch Idioten, die sich mit Parolen wie "jetzt ganz modern, ausgeflippt und sexy" ködern lassen und die ohnehin bald Toten, denen du alles erzählen kannst. Ach ja, und vermutlich die Honoratioren ab der zweiten Reihe, die auf die Rückkehr von Jesus oder Willy Brandt warten. "Digitalisierung", my ass!

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