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Man kann Wirklichkeit auf zweierlei Weise verarbeiten, nämlich indem man die Theorie der Realität anpasst oder umgekehrt. Letzteres pflegt Ideologie zu tun, jene religiöse oder quasi religiöse Weltsicht, über die sich Menschen so gern einigen, ohne dass Bagatellen wie Naturgesetze oder geschichtliche Erfahrung die Gemütlichkeit stören.

Ebenso verhält es sich generell mit Systemen. Sie können der Wirklichkeit angepasst werden, umgebaut und revidiert mit den Erfahrungen und Lernprozessen, oder sie passen Menschen und Welt dem System an, was immer auf Gewalt hinausläuft.

Das war schon immer so

Der Konservatismus definiert sich durch den Versuch, das Gegebene unverändert zu lassen, daher neigt er per se dazu, eben die Wirklichkeit dem System anzupassen. Ein konservativer Klassiker ist der Ruf nach "härteren Strafen", die übrigens gerade dort eine gern gezogenene Option sind, wo es bereits die Todesstrafe gibt. Wer abweicht und sich nicht an die Moral hält, deren Regeln das System vorgibt, muss mit aller Gewalt eingepasst werden. Je mehr Menschen abweichen und je deutlicher sie es tun, desto mehr Gewalt braucht das System, um die Abweichungen zu unterdrücken.

Die Alternative wäre grundsätzlich, das System zu ändern; sein Selbstverständnis, die Wahrnehmung der Realität, die Regeln, die Gewohnheiten. Das kann der Konservative nicht zulassen. Im Gegenteil bildet er eine ganze Kaskade von Filtern, um sich vor Erkenntnissen zu schützen, die seine Ideologie durchbrechen. Auf gar keinen Fall darf der Fall eintreten, dass Grundsätze, auf die sich das System stützt, verändert werden. Dazu gehört aktuell übrigens auch die Geldwirtschaft, aber darauf will ich hier nicht hinaus.

Da kann ja jeder kommen

In der sogenannten "Flüchtlingskrise" ist die Einsicht in die Tatsachen nicht mehr getrübt, sondern komplett blockiert. Allein die Zahl scheint niemand zu verstehen, geschweige denn, was aus ihr folgt. Gehen wir von ca. einer Million Flüchtlingen aus, die es nach Europa schaffen. Wenn ich jemanden einstelle, der nichts anderes tut als denen die Hand zu schütteln und für jeden Ankömmling drei Sekunden braucht, ist der Mann bei einer 40-Stunden Woche ein halbes Jahr beschäftigt.

Jetzt füllen Sie einmal Formulare mit denen aus, übersetzen Sie die, bringen sie die Leute unter, geben ihnen etwas zu essen usf., dann wird schnell deutlich, wie sinnvoll irgendwelche "Beschleunigungsgesetze" sind. Das Verfahren soll in vier Wochen abgeschlossen sein, wenn es Jahre dauert, die heute bereits anstehenden Fälle zu bearbeiten? Prima Idee. Aber das ist noch die gute Nachricht.

Wir tun nur unsere Pflicht

Die schlechte Nachricht ist die vom Sachzwang, der aus dem Fortbestand der bisherigen Regelung folgt. Da sind Millionen unterwegs, und die sollen also abgeschoben werden. Meinen intelligenten Leser/innen ist sofort klar, was das bedeutet, aber ich will es trotzdem ausführen: Man kann keine Millionen abschieben. Sie sind jetzt hier, und wir müssen ihnen geben, was sie brauchen um zu leben; und wenn wir schon dabei sind, könnten wir eigentlich auch anfangen, Menschen generell mit Respekt zu behandeln.

Es gibt nur eine Alternative, und was mich davon abhält zu schreiben: "Es ist unmöglich, diese Menschen abzuschieben", ist die Kenntnis, dass sie in der jüngeren deutschen Geschichte schon verwirklicht wurde. Doch, das geht. In Zügen. Man pfercht sie massenhaft in Züge und bringt sie fort. Sie werden aber an der Grenze zu Europa nicht die Richtung ändern, also muss man sie mit den Zügen in "Sonderzonen" bringen, zur Sonderbehandlung. Das ist die einzige Möglichkeit, am Grenzregime festzuhalten. Das ist das, was folgt, wenn sich das System der Wirklichkeit verweigert, die es nicht vorhergesehen hat.