Im Donezkbecken ist was los, und wie immer geht es um Kohle. Leider können wir nicht berichten, weil Putin. Dafür haben wir hier allerdings einen Verschwörungstheoretiker aus den Tiefen der Kommentarspalte. Mit wem er sich wozu verschworen hat, konnte bis Redaktionsschluss nicht ermittelt werden. Leider waren auch die Spalten bereits geschlossen, so dass eine bereitstehende Seilschaft nur noch verhindern konnte, dass weitere Theorien oder Verschwörer zum Vorschein argumentierten.
Derweil warnt die Regierung aus gut unterrichteten Kreisen nach Medienberichten und verabschiedet ein Paket. Auch ein Gabriel warnt, ein Lotharmatthäus und zwei schwarze Nullen. “Das wird man wohl noch sagen dürfen”, wird ein Sprecher zitiert. Der Zentralrat jüdischer Muslime teilt die Empörung am rechten Rand, womit ein weiterer Linksrutsch bevorsteht. Die Regierung warnt, die Industrie warnt, der Bundespräsident mahnt: linksrutschende Spalten sind verantwortlich, dafür muss man Verständnis haben, solange nicht die Sorgen und Nöte der Wirtschaftsflüchtlinge ihre Verfolgung genießen. Wer ins volle Boot steige, könne nicht die halbe Miete zahlen, da sei sich das Volk einig.
Wir sind ein Wir
Der Hund mit der Stihl schloss sich dem Henkel an und warf sich weg. Niemand müsse vor einer Wirtschaft fliehen, schon gar nicht global. Der Fall eines weiteren Flugzeugs machte die Runde. Stoppt Putin jetzt! Jetzt aber! Dann eben jetzt! Die Märkte reagierten zögerlich mit Kurswechseln, was ein EU-Außenbeauftragter mit der Lage der Menschenrechte im nahen Osten des kaukasisch chinesischen Hindukusch erklärte. Man sei da, wenn der russische Imperialismus an die Tür der NATO klopfe. Man sei ihm lange und weit genug entgegen gekommen. Der Imperator werde Europa nicht spalten, kein Kommentar. Keine Spalte, keine Verschwörung. Kein anderes Bier!
Die Wahl des Griechen gilt als extrem links und darf austreten, sagte die Kanzlerin am Abend in Baden mit der schwäbischen Hausfrau. Die Börsen notierten schwach, aber lustlos. Griechenland sei ein Reiseland, da dürfe man Unmündige nicht aufhalten. Die Zinsknechtschaft sei eine Eigenverantwortung. Es gebe rechtlich verbindliche Verabredungen mit verfassungsflexibler Laufzeit. Da könne nicht jeder wie er wolle. Da könnte ja jeder. So geht das nicht. Eine Griechisierung des Abendlandes stehe nicht unmittelbar bevor, die abstrakte Bedrohungslage hingegen bedarf der Speicherung eines Vorrats. Gegen Porno, Islam und Schlimmeres. Da ist aber endgültig Schluss.
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Ein oft unterschätzter Aspekt der neoliberalen Agenda ist die ausdrückliche Vorgabe, positiv über wirtschaftliche Zusammenhänge zu sprechen. Daraus resultiert nicht bloß die Pflicht zur Propaganda, sondern ein ‘Denken’. das stets vom gewünschten Resultat her die Wirklichkeit kommuniziert. Weil das oft nicht mehr geht ohne sich in den Schleudergang der Gehirnwäsche zu begeben, werden Techniken wie Neusprech, Zwiesprech und das absurdeste Argumenteyoga veranstaltet. Ein Beispiel für erschreckende Dimensionen des Realitätsverlusts schenkt uns aktuell die FAZ:
Deutschland hat gute Laune. Kaum einer ist arbeitslos, alle konsumieren, viele sind optimistisch. Nur die Firmen halten sich zurück und horten Bares, statt zu investieren. Es fehlen die Ideen. Und der Mut.
Ähm, ja genau. Nein, ich habe das nicht erfunden und es finden sich auch keinerlei Anzeichen für Ironie, das ist ernst gemeint. Millionen Aufstocker, weitere Millionen Arbeitslose, noch weitere, die in Maßnahmen, wegen ihres Alters oder anderer Tricks nicht erfasst werden, ganz zu schweigen von prekär Beschäftigten, und die Kapelle da oben spielt “Uns geht’s gut”. Dass wir unsere Arbeitslosigkeit obendrein größtenteils in die Länder unserer Währungspartner exportiert haben, wird nur mit einer weiteren Jubelmeldung quittiert, nämlich dass Deutschland Wachstum Wachstum®, während “um uns herum” alles schrumpft. Alles super!
Darf nicht, kann nicht
Kreuzerbärmlich dumm genug, aber diese Höchstleistung ist nur einmal mehr die Folge eindimensionaler Analyse, wenn man die denn noch so nennen mag. Die Kernaussage ist nämlich die, Wirtschaft sei Resultat eines Willens. Woher kenne ich das bloß? Die Angst sogenannter “Ökonomen” und ihrer schreibenden Kolonne vor einer Wahrheit aus dem Jenseits ist grotesk. Die geringste Anleihe bei Marxschen Theoremen ließe ihnen sofort einen hässlichen Bart wachsen und russische Panzer auffahren. Wir wagen es trotzdem:
Wie schon öfter betont, warten auf einen Dollar, der irgendwo auf der Welt umgesetzt wird in Produktion oder Dienstleistungen, drei Dollar, die vermehrt werden wollen. Sogenanntes “Wachstum”, was nichts anderes bedeutet als Profit, ist also real kaum mehr zu schaffen. Nettowachstum geht nur über höhere Schulden, gesucht werden also Schuldner, die noch mehr aufnehmen als andere längst zurückzahlen müssten. Wo sollen die herkommen? Irgendwo ist da ein Ende der Fahnenstange.
Es ist nebenbei ja überhaupt nicht so, das niemand investiert, welch ein Unsinn! Es wird nur insgesamt eben weniger investiert, weil das große Fressen im Gange ist. Das holde Wachstum geht nur noch auf Kosten anderer. Monopole fressen die Konkurrenz; gerade jüngere Wirtschaftsbereiche bilden extrem schnell Riesenkonzerne mit gewaltiger Macht. Google, Microsoft, Amazon, Facebook, Apple zum Beispiel. Kalte Wette: in den nächsten fünf Jahren wird mindestens eine dieser Marken auch von einer der anderen aufgekauft. Das nur am Rande.
Das Paradies, zum Greifen nah
Ja, und selbst Wachstumsexportweltmeister Deutschland wie gesagt konkurriert andere an die Wand, um noch ein mickriges Prozentchen zu wachsen. Das ist eine Heuschreckenstrategie, denn die so ruinierten Wirtschaften “um uns herum” werden “wir” als Kunden noch bitter vermissen. Obendrein lassen wir uns von den Amis zwingen, nicht mehr beim Russen zu kaufen. Deren Strategie ist derweil ein imperialistischer Amoklauf. Nicht nur TTIP soll eine US-dominierte Handelszone schaffen, gleichzeitig wird eine “transpazifische” aufgebaut, um die Wirtschafts-NATO zu ergänzen.
Hier schließt sich der Kreis, denn was ich da lese, macht mich hart lachen. “120 Milliarden Dollar” soll der ganze Spaß jährlich bringen. Das sind etwa 0,5 Promille des um die Welt schwappenden Kapitals. Das geht ab wie Rizinus, wetten dass? Kommt Leute, wir müssen das positiv kommunizieren!
Im übrigen sind Wille und besseres Wissen überall vorhanden. Die New York Times hat eine erhellende Analyse der Kommunikation von Fracking-Unternehmen erstellt. Daraus geht hervor, dass intern immer klar war, wie wackelig der Boom war, dass die mit Fracking verbundenen Hoffnungen völlig überzogen waren und die Vision, die USA könnten Energie netto exportieren, geradezu idiotisch. Aber so kannst du das natürlich nicht sagen. Nicht als Mitarbeiter, nicht als Ökonom und schon gar nicht als journalistischer Marktschreier.
